In den letzten Jahren fand in den Wissenschaften, die sich mit menschlichem Verhalten beschäftigen, die „behavioral revolution“ statt. Wissenschaftler verschiedenster Disziplinen stellten fest, dass sich Menschen viel seltener vernünftig, regelgeleitet und begründet verhalten, als bisher gedacht – ja, dass menschliches Wahrnehmen, Denken, Urteilen, und Handeln vielmehr als eine Abfolge von Fehlwahrnehmungen, Fehlschlüssen, und Fehlverhalten zu verstehen ist. Es hagelte Nobelpreise (z.B. für D. Kahneman, V. L. Smith und A. Tversky) und internationale Bestseller (z.B. Thaler und Sunstein „Nudge“).

Ein klassisches Beispiel aus dem Gesundheitsbereich, wie wir fehlerhaften Wahrnehmungs- und Verhaltensmustern folgen anstatt vernünftig und begründet zu handeln, ist der „Standard-Fehler“. Er führt z.B. dazu, dass nur 28% der Amerikaner eingetragene Organspender sind, aber 99,9% der Franzosen – obwohl beide Gruppen eine sehr ähnliche Einstellung zu Organspenden haben und von ihrer Wichtigkeit überzeugt sind. Aber in Frankreich ist man per Gesetz standardmäßig Organspender – es sei denn man widerspricht – während der rechtliche Standard in den USA genau umgekehrt ist. Jenseits aller moralischer und praktischer Gründe folgen wir meist schlicht der Regel: „Wenn es einen Standard gibt, dann befolge ihn.“

Das wichtigste Werkzeug im Umgang mit solch irrationalem Verhalten sind sogenannte Nudges (von engl. „nudge“ = Stups). Oft können wir typisch menschlichen Fehlwahrnehmungen, Fehlschlüssen, und Fehlverhalten entgegenwirken – oder sie sogar nutzbar machen. Alles was es braucht, ist ein kleiner Stups. Wir müssen es Menschen leichter machen, die richtigen Schlüsse zu ziehen und das richtige zu tun. Ein simples Beispiel ist der Apfel-Nudge, bei dem in Konferenz-Centern auf dem Weg vom Konferenz-Saal zum Cafeteria-Bereich ein Regal mit kostenlosen Äpfeln platziert wird. Dies senkt die Anzahl der verkauften ungesunden Snacks drastisch.

Behavioral Risk Management (bRiMa) ist die Übertragung solcher Erkenntnisse auf das operative, insbesondere klinische Risiko-Management. Das Ziel ist es auf der Basis von bekannten, systematischen Fehlern im menschlichen Denken und Handeln mit geschultem Blick Strukturen und Prozesse so zu ändern, dass Risiken vermindert und bewältigt werden. Mit seinem Fokus auf individuellem Verhalten und seiner Spezialisierung auf konkrete Abläufe im Krankenhaus ist bRiMa dem Enterprise Risk Management (ERM) diametral entgegensetzt. Es glaubt nicht mehr an den Nutzen allgemeingültiger, abstrakter Zahlen und Modelle für das gesamte Unternehmen oder an Verhaltensmanagement durch immergleiche Regeln sogar über die Grenzen unterschiedlichster Organisationen hinweg. Es nutzt stattdessen neueste Erkenntnisse für das gezielte, passgenaue und kostengünstige Management von Risiken.